90 Minuten fremd in Deutschland

„In 30 Sekunden müsst ihr euer Haus für immer verlassen. Was nehmt ihr auf die Flucht mit?“ Mostafa Bazo lässt den Schülern keine Zeit sich zu entscheiden. Handy, Dokumente, Kleidung, Medikamente oder Bargeld? Zwei Dinge dürfen sie auswählen. Wichtig wäre eigentlich alles, aber „Kleidung und Dokumente sind das Wichtigste. Was machst du, wenn du wochenlang im Wald schlafen musst? Da gibt es keinen Strom fürs Handy und nichts zu kaufen.“ Mostafa spricht aus Erfahrung, denn er kam 2015 zu Fuß über die Balkanroute nach Deutschland.

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Leicht geht anders - Mostafa Bazo mit einem Formular auf Arabisch

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Für den Münchner Verein GemeinsamBrückenBauen führen der syrische Geschichtslehrer und die Journalistin Eman Ali aus Palästina durch die Ausstellung „Land der Kulturen“, die vom 12. bis 16. Dezember 2022 im Hilde-Theatersaal zu sehen war.

So wie Mostafa im Jahr 2015 geht es jetzt den Schüler/innen des Hilde: In der Ausstellung können sie hautnah erleben, wie es ist, bei einfachsten Alltagsaufgaben zu versagen. So sollen sie den eigenen Namen schreiben, ein Formular ausfüllen, auf dem Markt einkaufen oder die U-Bahn benutzen. Das Problem: Alle Materialien sind auf Arabisch, ohne weitere Verständnishilfen.

Die Acht- bis Zehntklässler/innen entwickeln großen Ehrgeiz, die Aufgaben richtig zu lösen, und den meisten macht es großen Spaß. Zwölf Klassen insgesamt besuchten in der Ausstellungswoche einen jeweils 90-minütigen Workshop mit Mostafa Bazo oder Eman Ali.

Für sie war es allerdings nur ein Spiel, anders als für die Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan oder jetzt aus der Ukraine. Sie müssen sich von Anfang an in der fremden Umwelt zurechtfinden, die oft wenig verständnisvoll oder sogar ablehnend reagiert. Entsprechend betroffen zeigen sich danach viele der Ausstellungsbesucher/innen: „Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein kann, sich in Deutschland zurechtzufinden.“

Genau diese Erkenntnis will die Ausstellung „Land der Kulturen“ vermitteln. Sie wurde gemeinsam mit geflüchteten Menschen aus Syrien und Afghanistan entwickelt, alle Situationen, in die die Ausstellung die Besucher bringt, beruhen auf echten Erfahrungen.

Gefördert wurde die Ausstellung durch die Initiative „Miteinander Kempten gestalten“ und dem Bundesfonds „Demokratie leben!“, die beide die demokratische Basisarbeit in deutschen Gemeinden unterstützen wollen.

 

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Keine Zeit zum Überlegen: Was kommt auf die Flucht mit?

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Rechnen mit echten arabischen Zahlen.

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Rechennachhilfe durch Eman Ali.

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Aufgeschmissen: Der U-Bahn-Plan von München, arabisch.

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